Der Thüringen-Monitor gibt Auskunft über die politischen Einstellungen im Freistaat.

Thüringens Bevölkerung trotz Corona-Maßnahmen mehrheitlich zufrieden mit der Demokratie

Thüringen-Monitor 2021 der Universität Jena analysiert „Demokratie in der Corona-Pandemie“
Der Thüringen-Monitor gibt Auskunft über die politischen Einstellungen im Freistaat.
Foto: Jens Meyer (Universität Jena)

Meldung vom: 07. Dezember 2021, 13:00 Uhr | Verfasser/in: Axel Burchardt | Zur Original-Meldung

Trotz der im Zuge der Corona-Debatte deutlich gestiegenen Kritik am Pande­miemanage­ment, den heftig umstrittenen Eindämmungsmaßnahmen und des von der Anti-Corona-Bewe­gung geäußerten Narrativs einer ´Corona-Diktatur´ bleiben die Demokratiezu­friedenheit und das Institutionenvertrauen in Thüringen auf einem erstaunlich hohen Niveau. 65 Prozent der Thüringerinnen und Thüringer sind mit der Demokratie zufrieden und 89 Pro­zent unterstützen die Demokratie als bestmögliche Regierungsform. Das belegt der heute in Erfurt präsentierte Thüringen-Monitor 2021, den ein Team der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Auftrag der Thüringer Landesregierung er­stellt hat.

Es sind die jeweils zweithöchsten ermittelten Werte, seit der Thüringen-Monitor im Jahr 2000 erstmals erstellt wurde. Auf Basis der Ergebnisse des Thüringen-Monitors sei keine Demo­kra­tie- bzw. Vertrauenskrise zu erkennen, betont die Leiterin der jährlich durchgeführ­ten Um­frage, Prof. Dr. Marion Reiser vom Zentrum für Rechtsextremismusforschung, Demo­kratie­bildung und gesellschaftliche Integration (KomRex) der Universität Jena.

Radikalisierung der schrumpfenden Anti-Corona-Bewegung

Obwohl die Zahl der Corona-Skeptikerinnen und -Skeptiker im Vergleich zum Vorjahr ge­sun­ken ist, stellen sie allerdings weiterhin eine große Herausforderung für die politische Kultur im Freistaat dar. „So ist eine Radikalisierung der schrumpfenden Anti-Corona-Bewegung zu beobachten, die jedoch nicht in Richtung des klassischen Rechtsextremismus stattgefunden hat“, fasst die Politikwis­sen­schaftlerin Reiser zusammen. Die Verbreitung rechtsextremer Einstellungen ist in Thüringen gegenüber dem Vorjahr erneut gesunken – von 17 Prozent auf elf Prozent. Da­mit erreicht der Anteil der rechtsextrem Eingestellten in Thüringen den nied­rigsten Wert seit Beginn der Messungen im Jahr 2000. Die weit überwiegende Mehrheit der Thüringer Bevölke­rung ist somit auch im Jahr 2021 nicht rechtsextrem und nicht Corona-skep­tisch eingestellt.

Demokratie, aber in Freiheit und zum Mitmachen

Der Thüringen-Monitor untersuchte in diesem Jahr zudem das Demokratieverständnis der Thü­ringerinnen und Thüringer genauer. Partizipation und Freiheitsrechte machen für sie den Kern der Demokratie aus, belegt die Befragung. Wichtig ist den Menschen im Freistaat außer­dem politische Gleichheit, d. h. die Gleichheit vor dem Gesetz, als auch die Chancengleichheit, d. h. die Vorstellung, dass alle Menschen im Leben die gleichen Chancen haben sollen. Auch die Responsivität, also die Bereitschaft in der Politik auf die Interessen der Menschen einzu­gehen, wird von einer großen Mehrheit der Befragten als sehr wichtig er­achtet. Außerdem mes­sen die Thüringerinnen und Thüringer der sozialen Komponente der De­mokratie sowie der politischen Partizipation einen hohen Stellenwert bei – wobei die poli­tischen Mitwir­kungs­möglichkeiten analog und nicht auf digitaler Ebene geschehen sollen, wie die Befra­gung ermittelt hat.

Jeder Zehnte ist antisemitisch eingestellt

Es gibt allerdings noch immer Bevölkerungsteile, die rechts­extrem bzw. pandemieskeptisch eingestellt sind. Aber die Überlappung zwischen rechtsextremen und pandemieskeptischen Einstellungen hat sich deutlich abgeschwächt, belegen die Umfrageergebnisse. Während im vergangenen Jahr knapp zwei Drittel der rechts­­extrem eingestellten Befragten auch Corona-skeptisch eingestellt waren, ist es nun nur noch ein Drittel. Gleichzeitig sind 16 Prozent der Corona-Skeptikerinnen und -Skeptiker – und damit etwa halb so viele wie 2020 – rechts­ex­trem eingestellt – in der übrigen Thüringer Bevölkerung sind es 10 Prozent, so dass thürin­gen­weit etwa 11 Prozent als rechtsextrem eingestellt gelten können.
Darüber hin­ausgehend legt der Thüringen-Monitor offen, dass auch 2021 noch zehn Prozent der Befragten als „antisemitisch einge­stellt“ gelten können.

Corona-Pandemie gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt

Die Thüringer Bevölkerung sieht die Risiken im zweiten Jahr der Pan­de­mie nur selten im per­sönlichen Bereich, sondern zunehmend in gesellschaftlicher Hinsicht: 77 Prozent der Befrag­ten sehen aufgrund der langen Schulschließungen Risiken für die Bil­dungschancen junger Menschen; 60 Prozent sehen den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Gefahr. „Diese Sorge um die Zukunftschancen der jungen Generation kann als Ausdruck ge­sellschaftlicher Soli­da­rität interpretiert werden“, sagt Prof. Reiser. Die Antworten auf weitere Fragen zur Pandemie zeigen außerdem, dass das Virus inzwischen von einer deutlichen Mehrheit ernst genom­men wird – wenngleich noch längst nicht von allen. Gleichzeitig ist der Glaube an pan­demie­be­zogene Verschwörungserzählungen in Thüringen weit verbreitet.

Auch wenn der Ernst der Lage von den meisten Menschen im Freistaat erkannt und viele Ge­genmaßnahmen akzeptiert werden, so gibt es immer noch eine nicht zu vernachlässigende Gruppe, die die politischen Maßnahmen ablehnt oder bekämpft. Hier bleibt für Politik und Zi­vilgesellschaft noch viel zu tun – wofür es aber einen breiten demokratischen Rückhalt gibt, wie der Thüringen-Monitor 2021 belegt.

Für den Thüringen-Monitor 2021 sind zwischen dem 4. Juni und dem 3. Juli 2021 insgesamt 1.100 wahlberechtige Thüringerinnen und Thüringer in einer repräsentativen telefonischen Un­tersuchung befragt worden.

Kontakt:

Zentrum für Rechtsextremismusforschung, Demokratiebildung und gesellschaftliche Integration
Marion Reiser, Univ.-Prof. Dr.
Sprechzeiten:
nach Vereinbarung per E-Mail
Raum 431
Carl-Zeiß-Straße 3
07743 Jena
Diese Seite teilen
Die Uni Jena in den sozialen Medien:
Ausgezeichnet studieren:
Zurück zum Seitenanfang